Sonntag, 7. August 2016

Lichtdurchlässige Arrangements zum Träumen: Osta Love - The Isle of Dogs

Wer auf diese Insel kommt wird mit dem Schatz eines rundherum gelungenen Albums belohnt. Ein kostümierter Hund weckt das Interesse für „Isle of Dogs“ (Synonym für die alten Londoner Docklands), das zweite Album der Musikstudenten von Osta Love aus Berlin. Der akustische Inhalt löst bei mir vorbehaltlose Begeisterung aus. Was hier zu hören ist, kann man als hell-melodischen, progressiven Rock bezeichnen, der völlig unangestrengt und spielerisch aus vielfältigen Quellen von Psychedelic und Alternative, über Jazz, Pop, einer Prise Latin, Symphonic Prog bis hin zu Kraut- und Artrock gespeist zu sein scheint. Die harte Kante von Progressive Metal wird freundlich ausgelassen. Trotz dieser unterschiedlichen Wurzeln perlt das Album vom namensgebenden Opener bis zum abschließenden Höhepunkt, dem Longtrack „Translucent Engineering“, wie aus einem Guss aus den Boxen. Die verbindenden Elemente sind das mittlere Tempo und vor allem der nivellierte, eigentümlich sparsam phrasierte Gesang. Sänger und Multiinstrumentalist Tobias Geberth, der, wie ich es einschätze, aus den ihm zur Verfügung stehenden stimmlichen Möglichkeiten, das Beste macht, haucht jedem Song eine junge, verträumt-verhuschte Note ein, die -und dies ist wirklich im positivsten Sinne gemeint- an die unschuldige Energie einer extrem talentierten Schülerband erinnert.
Die Songtexte sind tatsächlich eher lichtdurchlässige Stimmungsskizzen als detaillierte Geschichten. Sie ergänzen für den, der sich darauf einlassen möchte, die verträumte Atmosphäre um innere Bilder, ohne sich mit plakativer Message in den Vordergrund zu drängen.
„The Isle of Dogs“ ist insgesamt ein liebevoll durchdachtes, klasse gespieltes und transparent produziertes Album für alle Träumer und Liebhaber harmonischer, progressiver Rockmusik, die Lust haben, sich von etwas Neuem und Frischem aus deutschen Landen überraschen zu lassen.

Dienstag, 2. August 2016

David Gilmour – 18.07.2016, Wiesbaden, Bowling Green

Eine Mail des Onlinekartenhändlers: Wir freuen uns auf Ihren Fan-Report. Mach’ ich. Bevor ich damit beginne, den dann 172. Fan-Report zum David Gilmour Konzert in Wiesbaden zu schreiben, lese ich die Beiträge meiner Vorrezensenten, auf die sich eventim sicher auch gefreut hat. Der Auftritt des Rockgiganten an diesem lauen Sommerabend, in dieser anbrechenden, warmen Nacht unter der aufgehenden, fast kreisrunden Scheibe des Mondes, wird von den meisten Konzertgästen als einzigartig, unvergesslich und großartig bewertet.

Allein der fürstlich-prunkvolle Rahmen des Kurhauses, vor dem die gewaltige Bühne mit jeder Menge High-Tech und der schon aus Pink Floyd Tagen bekannten, kreisrunden Projektionswand als Blickfang aufgebaut war, war einen Teil des leider ebenfalls fürstlichen Eintrittsgeldes wert. Das Areal der Konzertbestuhlung, welches sich über die gesamte, weite Grünfläche, das sogenannte Bowling-Green, zwischen den Kolonnaden fast bis zur Wilhelmsstraße erstreckte, wurde genau vis à vis der Bühne mit einer etwa 1500 Zuschauer fassenden Tribüne abgeschlossen. Ein wunderschönes Ambiente für den Auftritt einer Rocklegende zum Abschluss eines perfekten Sommertages. David Gilmours Gitarrenspiel war wie gewohnt und passend zum Tag nah an der Perfektion, sein Gesang kam überraschend kraftvoll und hatte wenig vom Eindruck der altersbedingten Zerbrechlichkeit, die Gilmour in den letzten Jahren bisweilen in Interviews gemacht hatte. Die Setlist wurde mit 14 von insgesamt 23 gespielten Titel zur erhofften Huldigung an die große Ära von Pink Floyd. Mein persönliches Highlight war “Fat Old Sun”, heute der älteste Titel aus dem Programm. Ausgedehnte Gänsehautschauer und feuchte Augen beim herausragenden Solo gegen Ende des Stückes. Als schwächsten Titel des Abend empfand ich den deplatzierten, swingartigen Bar-Blues “The Girl In The Yellow Dress”  vom aktuellen Album des Meisters. Die einzige, kleine Enttäuschung des Abends war die Solostimme in “The Great Gig in The Sky”, die nach meinem Geschmack zu viel Kreischerei und zu wenig schwebendes Wehklagen in sich hatte. Der Gesamtsound über den Abend hinweg war wohlig wie eine warme, transparente Wolke, in der sich jedes Instrument und jede Stimme glasklar abbildeten. Ich habe noch niemals so einen guten Klang auf einem Konzert gehört. Selbst Roger Waters, Queen oder Genesis erreichten dieses Hi-Fidelity Niveau nicht. Ich hielt es –mangels Erfahrung- immer für eine verklärende Übertreibung, kann mir nach diesem Erlebnis jedoch besser vorstellen, warum Pink Floyd Auftritte ehedem als Referenz für Rockkonzertklang gelobt wurden.

Bowling Green aus Richtung des Eingangs

Also: Auf an den “Fan-Report” und natürlich volle Punktzahl für David Gilmour auf dem Bowling Green. Weil es dazu gehört und negative Kritik oft noch spannender zu lesen ist als Dauerlobgesänge, sehe ich mir auch noch die Meckereien meiner Mit-“Fan-Reporter” durch. Die Negativpunkte, die genannt werden, zielen zu Einen auf die Organisation…:

  • “…zu wenig…zu überlastete” Parkmöglichkeiten in der Stadt
  • “stundenlange” Wartezeiten an den drei Eingängen
  • “schlampige” oder “überflüssige” Sicherheitskontrollen durch überfordertes Sicherheitspersonal
  • “inkompetente”, “überforderte” Ordner
  • “miserable” Organisation an den Verkaufsständen mit zu früh ausverkauften Getränken
  • sichtbehindernde Elemente der Location, wie die beiden Brunnen, die Baumreihen oder die Laternen
  • “unbequeme” Sitze, Stehplätze wären besser gewesen
  • Schlangen beim Verlassen des Konzertgeländes und in den Parkhäusern

…zum anderen beklagen sie das Verhalten der Konzertbesucher, die…

  • …über den ganzen Abend hinweg Unruhe verbreiteten, weil sie zwischen Plätzen und Getränke- und Essständen unterwegs waren (einer schreibt: “Ich habe noch nie so viele bratwurstfressende Alte gesehen”)
  • …sich an nicht an ihre Plätze hielten, sondern sich stattdessen sichtbehindernd in die Durchgänge stellten um sich anschließend pöbelnd und rempelnd den Beschwerden zu widersetzen
  • …während der Musik lautstark miteinander kommunizierten
  • …mehr mit dem Smartphone als mit der Musik beschäftigt waren oder das Handydisplay in Dauerfilmhaltung als Sichtbarriere in den Nachthimmel hielten

Ich nehme mir vor, in meinem Beitrag auf diese Dinge einzugehen. Den kritischen Rezensenten allerdings, der, vor Ort von der Art der Veranstaltungsstätte überrascht, sich bitter über die Tatsache einer Open-Air-Veranstaltung beklagt, kann ich nicht ernst nehmen. Da bleibt nur ein kräftiger Ruf nach dem Sani.

Dann weiter: Unsere Sicht von der Tribüne aus war völlig o.k. und weder durch Kaskadenbrunnen noch durch Laternen oder stehende Zuschauer behindert. Die Leinwand war ausreichend groß. Das Einlassprozedere dauerte an der linken Schlange auf der Wilhelmstraße inklusive Anstehen und korrekter Ausweiskontrolle von ca. 19.10 Uhr bis etwa 19.30 Uhr, also für ein Konzert dieser Größenordnung in der Stunde vor Konzertbeginn völlig normal. Genug Zeit die ausreichend bequemen Sitzplätze zu finden und sogar mit einem kleinen Spaziergang nach vorne noch die Bühne in Augenschein zu nehmen. Wären wir nicht zuvor nochmal schnell ins Parkhaus ans Auto gegangen, hätten wir noch weniger warten müssen. Die Schlangen waren kurz vor sieben sehr überschaubar. Da bereits ab 18.00 Uhr Einlass angekündigt war, hatte es jeder Besucher selbst in der Hand, seinen Start in diesen schönen Sommerabend selbst zu entstressen. Dasselbe gilt für die Parksituation. Im Internetzeitalter ist es möglich, sich von jedem Ort aus über die Lage der Parkmöglichkeiten, die Öffnungszeiten und sogar die Preise und die aktuelle Belegung zu informieren. So hatte jedermann die Möglichkeit die Anreise zu planen. Jedem, der eine Karte gekauft hat, wird in etwa die Größenordnung der Veranstaltung bewusst gewesen sein. Dass diese Größe auch Auswirkungen auf die Abfahrtsituation inklusive Anstehen am Kassenautomaten im Parkhaus haben wird, wenn rund 12.000 Menschen einen Ort ungefähr zeitgleich verlassen möchten, kann man sich doch denken. Wir haben uns tatsächlich an diesem Abend (natürlich schweren Herzens) dazu entschieden, nach dem Intro von „Comfortably numb“ zu gehen und waren zehn Minuten später auf der Autobahn Richtung Frankfurt. Wer mit dem PKW anreist und am Ende keine Staus haben möchte, muss halt entweder auf die letzte Zugabe verzichten oder eben länger durchhalten, bis sich das Gros der Leute verabschiedet hat. Man kann nun mal nicht alles haben, oder?

Ich kann mir als Erklärung für einen großen Teil der Kritik an der Organisation zunächst nur Unerfahrenheit der Besucher, eine gewisse „Wird-halt-irgendwie-klappen“-Mentalität, eigene Desorganisiertheit oder eine unrealistische Anspruchshaltung vorstellen. Zu den Themen „Warten an Toiletten, Getränke- und Bratwurstständen“ kann ich nichts beitragen, da wir diese nicht genutzt haben. Wir haben damit gerechnet, dass es voll wird, und uns vor dem Einlass in Stadt satt gegessen und ausreichend getrunken. Die Anregung Einiger, Verkaufsstände bei Konzertbeginn zu schließen, um den Gesamtbetrieb auf dem Gelände erträglich zu halten, macht auch aus meiner Sicht Sinn.

Bowling Green aus Richtung der Bühne

Weiter zu den Kritikpunkten aus der obigen Liste, die ich teile. Nachdem ich den einen oder anderen Kommentar zum Benehmen der Mitbesucher gelesen hatte, muss ich sagen: Da hatten wir auf der Tribüne ja noch Glück. Aber auch hier war ständiger Betrieb zu jedem Zeitpunkt des Abends. Kaum hingesetzt, sind die Leute schon wieder in Richtung Bier- oder Fressstand unterwegs. Und einmal am Abend reicht ja natürlich nicht. Jedes Mal darf man freundlich aufstehen oder die Beine wegdrehen. Dennoch ständiges Betatscht oder Angerempeltwerden ist inklusive. Fairerweise muss ich sagen: Geschätzt sind es immer dieselben, sagen wir 10 bis 20 Prozent, der Kollegen, die für ihren hohen Verpflegungskonsum in Kauf nehmen, die übrigen Besucher im Konzerterlebnis zu beeinträchtigen. Dasselbe gilt für die Menschen, die sich permanent verbal mitteilen müssen. Wie viel Selbstwahrnehmung und Situationsbewusstheit kann man bei erwachsenen Menschen mittleren Alters eigentlich voraussetzen, damit sie auf die Idee kommen, dass sich das musikhörende, schweigende Nahumfeld möglicherweise durch das eigene Dauergelaber gestört fühlen könnte? Warum gehen diese Leute zum intensiven Gedankenaustausch und zum Trinken denn bloß ins Konzert anstatt in die Kneipe? Die Sache mit den Handys und den Fotoapparaten ist lageabhängig. Wenn jemand der Meinung ist, er müsse sein Smombieleben auch im Konzert durchziehen, bitteschön, das ist persönliche Freiheit, weil es niemanden beeinträchtigt außer möglicherweise den User selbst. Dauerhaft hochgehaltene Handys, welche die Hinterfrauen und –männer ständig sichtbehindern, zeugen jedoch von nichts anderem als Rücksichtlosigkeit. Aber das eine oder andere schnelle Foto…warum nicht? Und von der Tribüne das Zuschauerfeld überblickend, haben tausende glimmende, hochgereckte Smartphonedisplays zu „Time“ einen ganz besonderen optischen und lyrisch-tiefgründigen Reiz.

Fazit: Tolles Konzert, gute Organisation, wundervolle Location, alles in allem ein schöner Abend, mit Abstrichen lediglich dann, wenn ich das Zuschauerverhalten in die Bewertung einfließen lassen würde.

Gut, der Fan-Report ist fertig. Habe mir mal wieder viel Mühe gegeben, und frage mich wie immer, wie viele das wohl lesen werden. Seufz. Zum Abschluss des heutigen Blogbeitrags, der das Recycling-Resultat meines Eintrag bei eventim.de ist und daher vielleicht etwas holperig daherkommt, möchte ich noch etwas von meiner Oma (oh ja, auch das noch) erzählen:

Viele haben nach dem Gilmour Konzert geschrieben: “Das ich das noch erleben durfte”. An diesem Satz bleibe ich hängen. Genau das hat meine Großmutter (wie es Großmütter vielleicht im Allgemeinen zu tun pflegen) immer bei wichtigen Lebensabschnitten ihrer Enkel geseufzt. Da dies bei ihr jedoch in aller Regel mit der düsteren Ankündigung verbunden war, dass sie beim nächstfolgenden Entwicklungsschritt schon verstorben sein wird (…“aber wenn Du ins Gymnasium kommst, bin ich bestimmt tot”), hatte die gemeinsame Erlebensfreude mit Oma Gertrude jähe Grenzen. Irgendwann, vermutlich zwischen Einschulung und Konfirmation, habe ich aufgehört, ihren zweiflerischen und auch aufmerksamkeitsheischenden Vorhersagen zu glauben. Vielmehr versuchte ich ihr mit einem “Oma, hör doch auf, das hast Du beim letzten Mal auch schon gesagt” die Irrationalität ihrer Prophezeiung vor Augen zu führen und im selben Zuge meine Gewissheit darüber, dass sie irgendwann in der Zukunft einmal Recht behalten wird, zu verdrängen. Das lief jahrelang so, und gegen jeden Verstand begann ich davon auszugehen, dass dieses lang durchschaute Spielchen mit der ungewissen Zukunft, mit der Sorge und der Zuneigung des Enkelkindes immer so weiter gehen könnte. Leider hat sich Gertrude kurz vor dem Satz “…dass ich Uroma werde” doch noch aus dem ganz großen Spiel des Lebens verabschiedet, was ziemlich weh tat.

Omas (Zweck-)Pessimismus wird von so einigen Konzert-Kommentatoren keineswegs geteilt. Man nimmt sich sehr zuversichtlich und positiv vor, es möge immer so weiter gehen und dass man beim nächsten Mal, wenn Gilmour auf Tour geht, wieder dabei sein werde. Ich allerdings habe dieses merkwürdige Gefühl, dass wir 12.500 Floyd-Fans auf dem Bowling Green vor dem Wiesbadener Kurhaus Gilmours letzten großen Auftritt in Deutschland gesehen haben. Nicht nur Gilmours fortgeschrittenes Alter in Verbindung mit seiner Aussage, dass ihm das Tourleben, sei es auch noch komfortabel gestaltet, immer schwerer falle, spricht hierfür. Auch die Auswahl besonders “edler” Locations unterhalb von Stadiongröße (wie z.B. Arena von Verona, Amphitheater von Pompei oder eben das Bowling Green) signalisiert weniger finanzielles Interesse sondern eher den Wunsch, einen würdigen Abschied aus dem Tourzirkus zu nehmen. Deswegen: Ich denke mal “Adieu”, David, und “Danke” an Dich, dass wir das noch erleben durften (…ohne aber, liebe Oma).

Montag, 25. Juli 2016

Ach menno, Jon…!: “Invention of Knowledge” von Jon Anderson und Roine Stolt

 

Als im Herbst 1978 die Musikpresse die aktuelle Yes LP „Tormato“ besprach, charakterisierte einer der Rezensenten Jon Andersons Gesang auf dem Album mit dem Attribut „geschwätzig“. Genau dieses Wort kommt mir beim Hören von „Invention of Knowledge“ in den Sinn. Es beschreibt die Präsenz Andersons fast vier Jahrzehnte später auch auf der pressfrischen Kollaboration mit Flower Kings Leader Roine Stolt treffend. Jon singt, wie immer, mit wunderschöner Stimme und dieses Mal auch viel. Sehr viel. Mag sein, dass dies in der Vergangenheit auf anderen Alben ähnlich war, aber auf „Invention of Knowledge“ fällt die Menge an Gesang schon beim ersten Hören unangenehm ins Gewicht. Mein Eindruck ist, dies könnte daran liegen, dass die Stärken von Progrock, nämlich vertrackte, überraschende Kompositionen, gleichermaßen wie die Stärken des Komponisten Anderson, nämlich herrlich-süße, fast kinderliedartige, griffige Melodieführungen, leider nicht zu den Tugenden dieses Albums zählen. Gepflegte musikalische Langeweile auf selbstverständlich hohem Niveau und viel uninteressanter Text über „light, soul, love, truth, forever“ und Gedöns prägen das akustische Bild. Klar, diese verrückt werdende Welt kann gar nicht genug von der Liebe und Erlösung vertragen, die Anderson so kindlich und ostentativ im Herzen trägt. Im Übermaß führt sein Erguss jedoch dazu, dass das Album lieber doch im Hintergrund dahinfließen möchte, statt genauer in Augen- und Ohrenschein genommen zu werden. Lediglich die ersten vier Minuten von „Chase and Harmony“ drängen mit sparsamen Pianoklängen und einer klassischen, lieblichen Melodielinie ins geneigte Ohr und bleiben dort hängen. Das Highlight. Im Anschluss fällt das Album wieder zurück in die Austauschbarkeit und den Schwulst neuerer Flower Kings Titel und schwächerer Soloalben Jon Andersons.


"Ach, menno!", möchte ich dem Foto des fünfjährigen Jon Anderson auf der Innenseite des Booklets entgegentrotzen. Schade, wieder eine Enttäuschung aus der Yes-Ecke. Schon gegen Mitte des Albums scheint es mir, als ob eine Chance vertan wurde, die Chance, den musikalischen Esprit von Yes weiterleben zu lassen und endlich wahre kreative Nachkommenschaft zu erzeugen. Dies gerade nachdem sich Anderson vom aktuellen Schaffen seiner ehemaligen Band in Aussagen wohl doch recht deutlich distanziert hatte. So etwas schürt auch Erwartungen der Hörerschaft. Enttäuschungen fußen immer auf falschen Erwartungen. Diese wurden ebenso von der Plattenfirma gepusht, welche die Veröffentlichung in die Nähe von „Topographic Oceans“ stellt. Eine Werbephrase, die ich inhaltlich überhaupt nicht nachvollziehen kann.


Genug der Geschwätzigkeit: Im Fazit ein gut produziertes und gut gesungenes Album, das den Vorschusslorbeeren und sicherlich auch den Sehnsüchten und Erwartungen von so manchem Fan nicht gerecht wird.

Mittwoch, 22. Juni 2016

Retromania vs. Persistence: Queen & Adam Lambert + Marillion, 17.06.2016, Tag 1 des “Rock the Ring”-Festivals, Hinwil, Autobahnkreisel Betzholz

 

Die Seicherei, die huere

“S’Abig seichert’s nechma!”. Eine Spur zu trotzig werden in der Reihe vor uns zwei orangefarbene Notfallregenponchos auf den Asphalt geklatscht. Ein ländlich-braungebranntes Männergesicht schaut mich mit freundlich funkelnden Augen an, als müsste ich jetzt z.B. antworten (natürlich mit hartem Chrüterchraft-‘ch’): “Richtick, di huere Seicherei schisst us lanchsam an, odder”…oder so etwas in der Art. Mein offenbar lebensbegleitendes Los, unter Einheimischen nur des Hochdeutschen einigermaßen mächtig zu sein, versetzt mich allerdings noch nicht mal in die Lage, die Gesprächseröffnung verstanden zu haben. Glücklicherweise ist der Andere mehrsprachig. Wir einigen uns also auf Hochdeutsch und mit einer Überzeugung so tief wie der Schweizer Nationalstolz wird mir erklärt, dass die anthrazitfarbenen Cumulonimben, die schon seit einiger Zeit in den Horizont hinter der Festivalbühne hineinwachsen, abziehen werden, um andernorts zu seichern. Wie zur Unterstützung der Wetterkräfte wiederholt der zuversichtliche Eidgenosse eine wischende Handbewegung gen Osten. ‘Der kommt von hier, der muss es wissen’, wollen wir uns beruhigen.

Rock the Ring 2016 wartet auf Queen und Gewitter

Die Audienz, die späte…unvollständige

Eine knappe Stunde später, Queen haben gerade “Somebody to love” ausklingen lassen, kommen die Ponchos zum Einsatz. Von zuckenden, breiten Blitzen und einigen kurzen Sturmböen angekündigt, öffnet der schwarze Schweizer Himmel seine Gebirgsbachschleusen auf den Innenraum des Autobahnkreisels Betzholz, ca. 20 km südöstlich von Zürich. Bühne und Zuschauerbereich, letzterer eben noch in dichtem Gedränge der Fans, leeren sich schlagartig. Die Flucht vor dem Wetter führt uns weiter oben auf dem Gelände zunächst unter ein Zelt mit Grillutensilien. Claudia sieht mich an. Ihr Kopf steckt in einem Ärmel ihres in Windeseile übergestülpten Regenschutzes. Mein mülltütenartiges Cape fühlt sich an, als wäre es innen nasser als an der Außenseite. Wir beraten uns kurz. Unser Wagen steht zusammen mit ein paar tausend anderen auf dem Festivalparkplatz, einer leicht abschüssigen Wiese, die bereits bei unserer Ankunft einen saftig gewässerten Eindruck gemacht hatte. Die Aussicht auf ein Abfahrtchaos zum Konzertende bei Untergrundbedingungen Marke ‘Panzerübungsplatz’ lässt uns schweren Queen-Fan-Herzens das Rock the Ring Festival 2016 vorzeitig verlassen. Die Band ist unterdessen mit “Love of my life” auf die Bühne zurückgekehrt und intoniert gerade unter Regenschirmen “Under Pressure”, ein Bild, das wir live ebenso wie die übrigen fast zwei Drittel des Auftrittes einer der größten Rockbands aller Zeiten verpassen. Wieder nix mit Queen. Während meine Liebste mit viel Gefühl für Steuer und Gas auf der aufgeweichten Wiese um Grip ringt und ich, mittlerweile völlig durchnässt, unseren armen Peugeot an der B-Säule aus einem Schlammloch wiege, gehen mir die Stationen meiner nicht verwirklichten Queen-Konzertbesuche durchs Hirn: Januar 1979 in Hannover (kein Geld für Konzerte, nur für Schallplatten), September ‘84 Stuttgart (immer noch kein Geld, kein Auto, keine Mitfahrer und alleine keine Traute), Juli 1986 Köln (Queen jetzt voll uncool und kommerziell, ging da gar nicht), dann Rückzug der Band von allen Live-Aktivitäten, Anfang der 90er Tod von Freddie Mercury und Aus für die Band, Oktober 2008 Hamburg (Weigerung, weil mit Paul Rodgers nicht echt), Februar 2015 Frankfurt mit Adam Lambert (jetzt aber doch! Ergebnis: bestellte Karten gehen unterwegs verloren, kein  Ersatz, Konzert ist ausverkauft).

Die Tribute-Band, die hervorragende

Dieses Mal haben wir immerhin zehn Lieder miterlebt: Nach einem geduldtrainierenden, zwanzigminütigen, sphärischen Intro aus Synthesizer und Gitarrenklängen mit Zitaten um das Thema von “This Could Be Heaven”, wurde der grau-schwarze Vorhang mit dem klassischen Queen-Logo gelüftet. Was man dann zu sehen und zu hören bekommt, ist im Grunde eine hervorragende Tribute-Band unter der Beteiligung der Queen-Legenden und Gründungsmitglieder Roger Taylor und Brian May. Die Band beginnt traditionell mit “One Vision”. Die Stimme des ein wenig jungsch wirkenden, hochgelobten Sängers Adam Lambert konkurriert dabei in keinem Moment mit Freddie Mercury, versucht es allerdings auch gar nicht. In einer kurzen, artig einstudierten Ansage nach den ersten Songs, grenzt sich Lambert deutlich vom imaginären Anspruch eines “Mercury-Ersatzes” ab und begibt sich lieber in die Rolle des Fans, der die Ehre hat, gemeinsam mit Legenden des Rocks ein Fest zu Ehren dieser genialen Musik zu feiern. Das passt. Lambert ist sehr gut und sicher bei Stimme. Sein Sound ist in der Grundtonlage etwas höher und heller (dünner) als beim guten Freddie. Denkt man nicht an eine Melange aus Conchita Wurst und Menderes, dann hat Lamberts Performance einen eigenen Charakter, der durch tuntiges Bling-Bling-Outfit und manierierte Bühnenpräsenz noch schwuler wirkt als Mercury selbst es vermutlich jemals war. Ach, der Vergleich zu Freddie will und soll vielleicht auch nicht aus dem Kopf. Traurig und freudvoll zugleich.

Allerdings freue ich freue mich sehr über Brian May, diesen feinen Menschen, einer der herausragenden Gitarristen der Rockgeschichte, der von unserem Platz aus wirkt als wäre er noch immer schlaksige 28 Jahre alt und hätte sich heute aus Jux die Lockenmähne silbergrau gefärbt. Gealtert in einer optisch positiven Mischung aus Sean Connery und Billy Joel sitzt hinter dem Schlagzeug Roger Meadows-Taylor. Er erscheint gegen May eher wuchtig und respekteinflößend. Sein Spiel klingt kraftvoll, schnell und beweglich. Der Gesamtsound ca. 50 Meter vor der Bühne ist angenehm laut, glasklar, einfach phänomenal. Das Visuelle wird durch drei Projektionsflächen unterstützt, für Lamberts und Mays “Ausflüge” gibt es zu beiden Seiten der Bühne Stege. Gute Show, ohne allzu große Effekthascherei. Der beim vorherigen Auftritt von Marillion noch äußerst zurückhaltende Zuspruch des sehr entspannten Publikums bleibt nicht aus. Letztlich sind an diesem Eröffnungsfreitag wohl die Meisten für Queen gekommen. Sie feiern. Die Party ging wohl auch weiter, nachdem sich der Anteil der Regenverdrossenen (schätzungsweise einige Hundert), zu denen heute auch wir beide gehörten, sich im wahrsten Sinne des Wortes vom Acker gemacht hatten. Queen lieferten anschließend trotz meteorologischer Widrigkeiten die volle Show. Brian May soll mit Blick auf die Ausdauer der Fans im weiteren Verlauf des Konzertes gesagt haben: “Rock’n’Roll is about persistence, right?”. Ich bin im ersten Moment nicht sicher, ob er Recht hat, aber auf jeden Fall schlägt May’s Einwurf einen guten Bogen zum Schlussabschnitt dieses Textes.

Die Schweizer, die merkwürdigen

Retro. Kleine Rückblende: Es ist Freitag, etwa 20.30 Uhr. Die letzten Klänge der ein wenig überdrehten Stefanie Heinzmann hatten uns vorhin aufs Festivalgelände begleitet. In der anschließenden Umbaupause zeigte die Kunstflugstaffel PC7 der Schweizer Luftwaffe über den Köpfen der rund 20.000 Rockfans ihr Showprogramm inklusive inszenierter Luftkampffiguren. Angesichts der langen Liste schwerer Unglücke bei Flugvorführungen, mit den Bildern von Ramstein im Kopf  und im Ohr die vor Nationalstolz schwelgende Stimme des Platzkommentators alles in allem ein zweifelhaftes Vergnügen. In mir stieg für einen Moment Erleichterung in Verbindung mit eigenem, pazifistischem  Stolz Deutscher zu sein auf, als  die Silhouetten der neun Maschinen endlich vom Himmel verschwanden und Schlussapplaus aufbrandete.  Jetzt stehen Marillion auf der Bühne, die vor ein paar Minuten ihr genau einstündiges Set begonnen haben. Sie werden vom Schweizer Publikum kaum wahrgenommen. So wirkt es zumindest von unserem Platz aus. Es wird gelabert und parliert, Aberhunderte im Publikum haben ihren Kopf unter dämliche, orangefarbene Werbehüte des Supermarktgiganten Migros gesteckt. Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren,  auf einer Fanmeile in Eindhoven oder vielleicht Amsterdam zu stehen, auf der man gerade festgestellt hat, dass die EM ohne Holland stattfindet. Egal, dann unterhalten wir uns halt ein wenig auf Schwyzerdütsch.

Marillion, die Unbeachteten

Steve Hogarth bedankt sich unterdessen mit einer kleinen, höflichen Verbeugung bei Queen “for having us”. Sie sind selbst Legenden des Progressive Rocks mit Top-Ten-Alben in vielen Ländern. Die Band ist älter als die meisten Festivalbesucher. Marillion spielen eine gute, klassische Setlist mit dem großartigen “Neverland” als Abschluss und Höhepunkt. Aber kaum einer scheint zu bemerken, geschweige denn zu honorieren, dass, im Gegensatz zu Queen, die -völlig verständlich- lediglich ihr kreatives Erbe aufführen, Marillion seit Jahrzehnten schöpferisch lebendig und engagiert sind. Ein neues Album mit dem überraschenden Namen “F*** Everybody And Run” wird im September erwartet.

Die Retromanie, die böse

Jean-Martin Büttner, Autor des schweizerischen “Tages-Anzeiger”, wird am Folgetag in seinem Artikel (“Erst kam die Königin, dann der Regen”) der Online-Ausgabe schreiben: “Aber ein paar Sätze müssen über die englische Gruppe Marillion geäussert werden, weil sie das unlösbare Problem der gegenwärtigen Popkultur vom ersten Ton an bestätigen: Das diese keine Zukunft hat, weil ihre Gegenwart von der Vergangenheit weggedröhnt wir.[...] und es kommt einem vor, als gebe es keine Neuen seit ihnen [Anm.: Gemeint sind Stars wie Freddie Mercury und David Bowie], nur Nachfolger. «Sounds that Can’t Be Made», singen Marillion in der Autobahnschlaufe von Hinwil, das Titelstück ihres letzten Albums. Ihre Musik klingt nach dem Gegenteil: alles schon gehört. Meine stete Angst, hat Max Frisch einmal notiert: die Wiederholung.” Am Samstagmorgen ärgere ich mich über diese Zeilen. Dies nicht, weil Marillions Musik Büttner offensichtlich nicht gefällt. Geschenkt. Mir scheint vielmehr, dass gerade Marillion ein denkbar schlechtes Beispiel für die sogenannte “Retromania” sind, über die sich der Autor unter Bezugnahme auf das gleichnamige Buch von Simon Reynolds beklagt. Marillion haben seit jeher einen ganz eigenen Sound mit hohem Wiedererkennungswert. Die Briten haben viele Songs geschrieben, die ihre einzigartige Spannung aus der kreativen Kombination sehr unterschiedlicher Segmente ziehen (z.B. “Gaza”, “Neverland”, “The Invisible Man” oder durchaus auch “Sounds That Can’t Be Made”), also wohl doch recht progressiv im eigentlichen Sinne sind. Wenn man Marillion etwas vorwerfen kann, dann nicht, dass sie “auf retro” machen, sondern dass sie tatsächlich noch aus der Zeit stammen, auf die sich die Retromania bezieht. Die Zeilen im Tages-Anzeiger machen den Eindruck, als habe sich Jean-Martin Büttner entweder gar nicht mit Marillion auseinandergesetzt oder eventuell unter einem orangefarbenen Hut nicht gut zuhören können. Ob allerdings mein Einwand gegen Büttners Einordnung von Marillion wirklich zutrifft, werde ich, wenn überhaupt, dann erst nach der Lektüre von Reynolds Buch einschätzen können.

Die Fragen, die offenen

Der Kritikpunkt der Wiederholung ist der interessantere und was Marillion betrifft nicht unzutreffend. Aber warum dann Queen ausklammern? Wiederholen die nicht? Der Vorwurf der Wiederholung wirft in mir Fragen auf: Worum geht es bei Popmusik überhaupt? Mit welchem Ziel werden Rock und Pop komponiert, gespielt, produziert? Was treibt uns Hörer, uns Konsumenten, uns Kritiker an? Geht es in der Musik, ja der ganzen Kunst, wirklich primär darum, immer Neues zu erschaffen? Was ist mit Nachhaltigkeit, was ist mit dem Durchhalten, mit “persistence”, mit Ausdauer für etwas, von dem man überzeugt ist, selbst oder gerade wenn es sich wiederholt? Was bitte ist so schlimm an Wiederholungen? Gibt es überhaupt so etwas wie Fortschritt in der Kunst? Ist die Retromanie nicht auch nur eine Entwicklung und nicht etwa die beschworene “Krankheit”, nur weil sie wie jede Entwicklung als erstes diejenigen nervt, die am schnellsten gelangweilt sind, weil sie (vielleicht aus Angst vor der Sterblichkeit) ständig nach Neuem gieren?

Das sind wirklich eine Menge Fragen. Auf jeden Fall hat Büttners Artikel mein Interesse für Reynolds Buch geweckt. Und vielleicht kann ich die eine oder andere dieser Fragen für mich beantworten, wenn ich es gelesen habe.

Das Nachwort, das dadaeske

Freitagabend Rock the Ring, Samstag Stadtvisite in Zürich. So gegen Mittag. Aus Anlass der Eröffnung des neugestalteten, autofreien Münsterhofs wird die Dada-Sinfonie “Harley Davidson” für neun Harleys, Trompete und Synthesizer komponiert von Dieter Schnebel unter der Leitung von Steffi Wiesmann geprobt. Frau Wiesmann dirigiert, in rotes Leder gedrückt, die schwarzbekutteten, harten Jungs und Mädels des Sun Hill Chapters, die im Dreiviertelkreis auf ihren Maschinen lauern und aufs Wort gehorchen: “Wenn ich so mach’ (sie öffnet die flache Hand nach oben) ischt Fernlicht…so (sie hebt beide Arme) ischt mehr Gas…” Passanten reagieren, lachen, machen Selfies oder Videos, setzen sich einen Moment, trinken ein Glas Wein und lauschen, mustern die Motorräder und die Fahrer oder Frau Wiesmann, schütteln den Kopf oder gehen einfach weiter. Worum geht es nochmal in der Musik?

Dada eine Harley

Mittwoch, 25. Mai 2016

Onward through the night: Yes - 23.05.2016 - Bonn, Brückenforum

 

20.05 Uhr: Die Unruhe im Publikum legt sich, als das Saallicht zu den ersten Takten von “Onward” verlischt. Der Song kommt vom Band. Die Projektionswand im Bühnenhintergrund zeigt das Yes-Logo und sich überblendende Schwarzweiß-Fotografien vom Bassisten und letztem Gründungsmitglied Chris Squire, an Krebs verstorben am 27. Juni vergangenen Jahres, drei Tage nachdem ich mir die Karte fürs heutige Konzert gekauft hatte.

Perpetual Change, Teil II

Das Konzert findet statt. Vielen vorschnellen Nachrufen, empörten “Nun-ist-aber-wirklich-Schluss”-Vorhersagen und Schmähungen (Tenor in etwa: Ab ins Altersheim, Ihr mach Euch ja lächerlich) zum Trotz. Für den geneigten Freund der 1968 in England gegründeten Band gab es am Fortbestand von Yes allerdings keine Zweifel. Yes sind nämlich schon lange keine Band im klassischen Sinne mehr. Yes sind über die Jahrzehnte hinweg transformiert, übergegangen in ein Projekt, ein Musikerkollektiv, das auf jedem der mittlerweile 19 Studioalben, mit jeder wechselnden Besetzung anders klingt und jedes Mal eine alternative Idee von progressiver Rockmusik entwickelt. Das Ergebnis war im Laufe der letzten Jahre mal interessant und experimentell wie auf “Magnification”  (2001: Yes mit Orchester anstelle der Keyboards), mal sehnsüchtig nostalgisch wie auf “Fly From Here” (2011: Die schöne, spätgeborene Schwester von “Drama”) und mal perlend, süßlich und leider auch ziemlich lahmarschig wie auf “Heaven & Earth”, der jüngsten Studioveröffentlichung aus dem Jahr 2014.

Live auf der Bühne wird schon seit Jahren ausschließlich das klassische Material verwaltet. Die Aufführung kompletter Alben aus den glorreichen Erfolgsjahren der Band kommt beim Publikum gut an. Nach den Konzerten mit der Alben-Trilogie “Close To The Edge”, “Going For The One” und “The Yes Album” bringen Yes auf der diesjährigen Tour den Prog-Meilenstein “Fragile” und das lange Zeit wenig geschätzte Übergangswerk “Drama” zu Gehör. Sänger Jon Davison (Glass  Hammer), seit 2012 am Mikrofon, gibt in Habitus, Stimmfarbe und (Vor-)Namen fast den Anderson-Klon. Der “Neue” am Bass ist Multiinstrumentalist Billy Sherwood, Ende der 90er-Jahre bereits schon einmal Teil der Yes-Mannschaft.

19.05 Uhr: Einfahrt ins Conti-Parkhaus direkt am Brückenforum. Ob ich mich aufs Konzert freue, weiß ich noch nicht. Vornehmlich beschäftigt mich die Frage: Wo werde ich sitzen? Auf meiner “Print-at-home”-Karte steht: Bonn, Beethovenhalle, Rang links, Reihe 26, Platz 1. Das Konzert wurde allerdings zwischenzeitlich ins deutlich bescheidenere (und vermutlich kostengünstigere) Brückenforum verlegt. Aufschreie im Yes-Forum: Wie unwürdig, Ihr Bemitleidenswerten, ein armer Abend erwartet Euch, usw.. Hochmütiges Geschwafel. Mich bedrückt, seit ich mich gestern Abend schlau gemacht habe, etwas anderes: Die Sitzreihe 26 existiert im Brückenforum nicht. Mir fällt mal wieder auf, wie schlecht ich mit solcherlei, für die rationale Betrachtung marginalen, Unwägbarkeiten umgehen kann. Wenn ich irgendwo hin fahre, will ich am liebsten vorher schon wissen, wie es da ganz genau ist. Extremes Sicherheitsbedürfnis. Egal ob es ums Hotel im Urlaub, das Parkhaus in der fremden Stadt oder den Sitzplatz im Restaurant geht: Ich hasse diese Art von Ungewissheit, die eine subtile Qualität von…ja, Angst in mir auslöst. Das mit dem Parkhaus hat ja schon mal geklappt. Jetzt rein.

Drama

Akt 1 der heutigen Yesshow beginnt mit der Komplettaufführung des Albums “Drama” aus dem Jahr 1980. Ohne nennenswerte Unterbrechungen oder Ansagen. Der Sound ist von Anfang an recht ordentlich. Die Instrumente lassen sich selbst von meinem Platz ganz am rechten Saalrand unter der Empore gut differenzieren. Kein Dröhnen oder Zerren, die Lautstärke ist ebenfalls o.k.. Die Band spielt “Machine Messiah” eher angespannt denn konzentriert, die Gruppe wirkt von Beginn ein wenig zusammenhanglos. Steve Howe, der heute ungewohnt mit seinem Volume-Pedal zu kämpfen hat, macht einen muffeligen (oder vielleicht deprimierten?) Eindruck. Manchmal nicht unähnlich einem musiksüchtigen Ex-Hobbit ohne abhandengekommenen Schatz, dem zum schwachen Trost eine Gitarre in die Arme gedrückt wurde. Ja, guter Sméagol, er spielt lieber was, tut keinem was zuleide, nein. Der Eindruck verstärkt sich im zweiten Teil des Konzertes während Howe’s kurzen, lustlos-verschwommenen Ansagen. Sein Gitarrenspiel scheint gut, nicht überragend und funkelnd wie zu besten Zeiten, aber durchaus ordentlich und seinen Akustik-Klassiker “Mood For A Day” (im “Fragile” Teil) habe ich von ihm (und leider immer von mir selbst) schon schlechter gehört. Weiter mit “Drama”: Das skizzenhaft kurze “White Car”, von Keyboarder Geoff Downes und Jon Davison als Duo vorgetragen, bremst die Fahrt des Openers andächtig. Trotz eines ordentlichen Moments des Taumelns während “Does It Really Happen?” gerät gerade diese dritte Nummer zusammen mit dem später abschließenden “Tempus Fugit” zum Höhepunkt des “Drama”-Sets. Der erste Akt geht mit “Time And A Word”, leider vom hier sehr angestrengt wirkendenden Davison nicht gut gesungen, (käsige Fingerformherzchen à la Wendler inklusive) dem Ende entgegen. Vor der 20minütigen Pause noch “Siberian Khatru”, das von der gesamten Band wieder gut und sicher klingt und Davison zurück in den Anderson-Modus bringt. Die Käseherzchen hätte ich Jon Anderson allerdings auch zugetraut. Ordentliche erste Hälfte.

19.25 Uhr: Ich sitze, sogar glücklich nach vorne upgegraded, in Reihe 14 ganz rechts und freue mich auf Yes. Der Umtausch meiner “Beethoven-Karte” in ein kompatibles Ticket hat prima funktioniert, nachdem ich zwei Platzanweiser um Hilfe gebeten hatte. Ich beobachte wie andere Besucher dasselbe tun müssen. Es entsteht tatsächlich einiges an Unruhe und mehr Hin- und Her-Gerenne als gewöhnlich, was vielleicht durch ein paar zusätzliche Infoschilder im Foyer hätte verhindert werden können. Ich schmökere auf dem Smartphone ein paar Zeilen in “Fever Pitch” von Nick Hornby, der wahrscheinlich dank irgendeiner keltischen Hexerei oder aufgrund des Einflusses englischen Gerstensaftes, in der Lage ist, wie selbstverständlich aus der Seele des männlichen Lesers abzuschreiben. Ein freundlicher Musikfreak aus dem Sauerland setzt sich auf Platz Nummer 11 direkt neben mich, und bis fünf nach Acht wird festgestellt, dass wir in den letzten Jahren die gleichen Locations beackert haben und gemeinsam auf mindestens zehn Konzerten waren. Ich stelle auch fest, dass ich James Brown immer mal wieder für länger tot halte, als er es verdient hat. Er starb tatsächlich erst 2006.

Fragile

Akt 2, der “Fragile”-Part, beginnt nicht mit dem gleichnamigen Album aus dem Jahr 1971, sondern mit dem Song “Going For The One”. Die Band wirkt jetzt gesammelter und dynamischer, ein wenig wie ein Fußballteam nach der Pausenansprache des Trainers. “Owner Of A Lonely Heart”, der größte Charterfolg der Band, gerät für meine Ohren anschließend sogar unerwartet zum spielerischen Highlight des Abends. Es groovt tatsächlich ein wenig in dieser überwiegend mit älteren Herren Marke 50+ gefüllten, fast ausverkauften Halle. Weiblichkeit ist unterrepräsentiert. Eine junge Frau allerdings, keine zwanzig, steht auf und versucht während “Owner” nach vorne an die Bühne zu kommen, ganz offensichtlich um zu tanzen. Ein Ordner hält sie auf. Etwas verloren steht sie verlegen wippend im Gang herum und trollt sich allmählich zurück. Es wird genau aufgepasst. Fotografieren, Filmen (und Tanzen) verboten. Weiter hinten im Saal wird dumpfer Alkoholnebel ausgeatmet und krakeelt. Auch hier wird eingeschritten, diesmal jedoch zum Wohl aller, die für 55 bis 91 Euro kein dümmliches Zwischengejaule bei “Mood For A Day” hören wollen.

“Fragile”, dieses schon auf dem Originalalbum durch die kürzeren Solostücke der fünf Bandmitglieder merkwürdig inhomogene, zerrissene Meisterwerk, wirkt auf der Bühne skurril aneinandergereiht, so dass deutlich wird, dass Titel wie der Minichoral “We have Heaven” oder das nur gut dreißig Sekunden lange Jazz-Fleckchen “Five Per Cent For Nothing” damals vermutlich nicht mit der Intention zur Liveaufführung eingespielt wurden. Diese Skurrilität verleiht der Aufführung jedoch humorvollen Charme und eine gewisse anarchistische Leichtigkeit. Billy Sherwood hat in “The Fish” seinen Soloauftritt am Bass, den er souverän meistert und dabei doch an den schmerzlichen Verlust des Taktgebers Chris Squire erinnert, dessen Verdienst es unter anderem war, die Bassgitarre als absolut ebenbürtiges und melodietragendes Instrument in die progressive Rockmusik einzubringen. Die längeren Songs, die Prog-Bretter des Albums, wie “South Side Of The Sky” und “Heart Of The Sunrise” glänzen und die Band kommt gegen Ende des Konzerts in richtig gute Form. Abgang von der Bühne und Rückkehr, um mit dem Encore “Starship Trooper” ein nicht gerade grandioses aber doch gutes Konzert (hier die Setlist) abzuschließen.

22.45 Uhr: Bin während der Zugabe gegangen, um dem Parkhausstau zu entgehen. Nach einem illegalen U-Turn über alle Spuren der St.-Augustiner-Straße und dem unbeabsichtigten Überfahren einer infraroten Ampel kurz vor der Kennedy-Brücke, bahne ich mir den Weg durch den strömenden Bonner Mairegen zurück in Richtung Eifel. Für einen Moment denke ich an einen krebskranken Freund, der seine hoffentlich lebensrettende Operation vor sich hat. Nochmals ein Gedanke an Chris Squire. Wie die Zeit fliegt und wie zerbrechlich das Leben ist. Ich “lege” vom USB-Stick das Album “Going For The One” aus dem Jahr 1977 auf. Damals meine Einstiegsdroge zu Yes. Wäre ich nicht am Steuer eines Fahrzeugs, würde ich wohl spätestens bei “Turn Of The Century” die Augen schließen und mein jüngeres Ich betrachten. Mir fällt Nick Hornby und seine Liebe zum Fußball und zu Arsenal London ein. Es kommt einfach, immer wieder und wenn ich mich in Gedanken meinem Leben mit dieser Musik vollkommen hingebe, gehe ich immer weiter zurück: Erst Yes in Luxemburg 2014, “Fly From Here” und Claudia 2011, dann schon Mannheim ‘84, 1983 und 90125, 1981 langes Hoffen auf Anderson Rückkehr und die Trauer um das vermeintliche Ende von Yes, tausendfaches “Mood For A Day” auf der Akustischen, und weiter “Drama” und “Yesshows” 1980, Träumen in der Welt von Roger Dean’s Coverart, Tränen der Verzückung bei Relayer und Topographic Oceans, die an Götzendienst grenzende Verehrung von Jon Anderson, immer wieder “Yessongs” mit 3 LPs am Stück, Gänsehaut und wieder Tränen beim ersten Einsatz der Sologitarre bei “Don’t Kill The Whale” 1978. Going For The One.

Es geht aber nach vorne, weiter der Nacht entgegen und hindurch, was auch immer danach kommen mag. Erst einmal hoffentlich sicher nach Hause.

Dienstag, 9. Februar 2016

Funktioniert nur mit Geschichte – Die Neue von Dream Theater ist da

 
“The Astonishing”, das neue Album von Dream Theater, ist da. Aus diesem Anlass heute mal eine Plattenkritik:
 
Der zweifache Versuch, ausschließlich die etwa 130 Minuten Musik des CD-Doppelalbums wirken zu lassen, schlägt gründlich fehl. Derartiges Abhören dieses monumentalen Werkes hinterlässt bei mir zunächst übersättigte Ratlosigkeit. Den tollen, kristallklaren, differenzierten Sound sowie die leckeren Melodiehappen zwischendrin nehme ich kaum wahr. Es entsteht vielmehr das Gefühl, gegen meinen Willen mit orchestralen Arrangements, Bläsersätzen, Choralgejauchze und LaBrie’scher Musical-Gesangsintonation angefüllt worden zu sein. So mag es der bedauernswerten Stopfgans kurz vor dem Sankt-Martins-Schlachtfest ergehen.
 
Für die Gans geht’s um alles, für mich nur um Musik und um Siebzehnneunundneunzig, die ich vielleicht als Fehlausgabe verbuchen müsste. Daher soll dies nicht das Ende sein. Ein dritter Anlauf mit „The Astonishing“ erfolgt mit Booklet und Storyline von der ausführlichen Webseite der Band parallel zur Musik gelesen. Und siehe da, das Album funktioniert. Im Kopf entsteht die Bühne der großen Rockoper, auf der die Protagonisten die schicksalsträchtige Geschichte von Macht und Unterdrückung, Hoffnung und Liebe, Treue und Verrat, Tod, Leid und Erlösung durchleben. Aufbereitet in verdauungsgerecht-plakativer Form des klassischen Musicals, macht sich die Story die Musik konsequent zum appetitanregenden Helfer. Das macht anstatt Sättigung tatsächlich Lust auf mehr: Nach Ende des 80minütigen ersten Aktes freue ich mich richtig auf Akt 2, der das dramatische Crescendo, den Kampf, enthält und schließlich –so viel darf verraten werden- in ein Happy-End mündet, das allerdings so umfassend kitschig ausfällt, dass ich fast schäme dieser Verzückung beizuwohnen und nach der Schwulstdusche und dem letzten Vorhang das Verlassen des Theaters nicht ganz so schwer fällt.
 
„The Astonishing“ ist das „etwas andere“ Dream Theater Album, denn auch wenn Fettansätze von Schmalz und Kitsch im Grunde von Beginn an zum Phänotyp des musikalischen Outputs dieser Band gehören: Hier wird dem DT-Hörer eine neuartige Dosis Bombast zugemutet, aber auch, wenn man sich drauf einlässt, so einiges Gutes und Unterhaltsames geboten. Fest steht für mich nach dreimaligem Hören: Dieses Album, dieses Rockmusical, diese Rockoper, geht wenn überhaupt dann nur als Gesamterlebnis von Musik und Geschichte. Auch wenn ich am Ende froh bin, dass ich heute nicht streunenden Katzen, rollenden Eisenbahnzügen oder afrikanischen Wildtieren beim Leben, Leiden, Singen und Musizieren beiwohnen musste: Die Story bleibt in der Rückschau seltsam lebensfern und lässt mich, der ich beim dritten Mal auf Anhieb tatsächlich 130 Minuten prima unterhalten wurde, fragen: Was ist der tiefere Nährwert, die Message der Geschichte? Etwa: Musik kann Menschen und Beziehungen heilen oder auch taub machen? Die Familie ist das Größte? Folge dir selbst? Liebe schlägt alles? Dream Theater sind doch ziemlich toll? Was denn jetzt?
Das Album lässt mich zugleich voll und leer zurück. Für den Amazon-Gelegenheitsrezensenten in mir wäre es ein klassischer Fall für 3 von 5 Sternen.

Montag, 16. November 2015

Die geschäftige Sprachlosigkeit im Wartezimmer

“Though the world is my oyster, it’s only a shell full of memories.” (Roxy Music im Jahr 1973 in “A Song For Europe”)

Wäre Paris nicht gewesen, stünde hier möglicherweise die väterliche Reflexion des Versuchs, einer 21jährigen und einem 14jährigen, die einzigartige Musik von Genesis nahezubringen. Wären die Terroranschläge vom 13. November nicht verübt worden, hätte ich wohl zum wiederholten Mal von dieser einzigartige Band geschwärmt, die Claudia und mich synchron in einer Zeit verzaubert hatte, in der uns die Welt einfacher, liebenswerter und voll von unbegrenzten Möglichkeiten erschien. Wären am Freitagabend nicht so viele Menschen gestorben, hätte ich mich sicherlich wie gewohnt in spitzfindiger Weise über Zumutungen durch Umstände oder Zeitgenossen ausgelassen, die genau eine Woche vor den Attentaten unserem Konzertabend zu viert eine trübende, stressige Komponente verliehen hatten. Also eigentlich hätte dies ein Blogeintrag wie immer werden können. Ich hätte vergangenen Freitagabend wie geplant etwas über den Bensheimer Auftritt von ‘The Musical Box’ aus Kanada und ihre bemerkenswert detailgetreue Rekonstruktion einer Genesis-Show von 1973 geschrieben. Nebenbei hätte ich wahrscheinlich über Bildschirm und Brillenrand hinweg ein Auge aufs Fußballspiel geworfen.

Vielmehr tat ich all dies sogar bis zum ersten Knall.

Der Alltag ist ein grausamer und zugleich so lebenserhaltender Sog, auf dessen Wirkung man sicher vertrauen kann. Einmal durch ein Geschehen herausgerissen, beginnt man je nach Grad der Betroffenheit ohnehin früher oder später und ohne bewusste Intention wieder damit, sich über SUV-Fahrer, laute Nachbarn, Katzenkacke vor der Haustür, langsames Internet, den Deutschen Paketdienst oder Reklameverstopfung im Briefkasten zu ärgern. Vielleicht ärgert man sich auch ab dann über ganz andere Sachen. Oder man macht sich Sorgen. Die ganz normalen Sorgen eben: Über drohende Altersarmut, zu hohe Strompreise, das Muttermal, das in letzter Zeit irgendwie komisch aussieht, über den Schulerfolg der Kinder, die pflegebedürftigen Eltern, den abstiegsbedrohten Lieblingsverein und die eigene Machtlosigkeit. Oder man träumt. Irgendeinen lieben Traum von Zuneigung, Harmonie und Glück. Irgendeine wenn auch bisweilen noch so erbärmliche Form von Alltag etabliert sich eben immer, selbst in einer Dauerkrise, bis alles endgültig vorbei ist.

Bis es endlich wieder soweit ist mit meiner beliebigen Form von Alltag, schwirren mir jedoch tausende Gedanken durch den Kopf. Gedanken zu alldem, was ich vor dem Fernseher in den letzten Tagen erleben musste, was ich dazu an dieser Stelle sagen oder schreiben könnte. All diese Gedanken vereinen sich in der Schlussfolgerung, es am besten einfach sein zu lassen und abzuwarten.

“Routine keeps me in line, helps me pass my time, concentrates my mind…” (Steven Wilson, 2015, in “Routine”)